Kompetenz schafft
Perspektiven.

Ihr diwa Jobfinder

„Die Konzentration gilt den Dingen, die man kann!“

„Die Konzentration gilt den Dingen, die man kann!“

Ihren Weg in den normalen Berufsalltag fand Stefanie Wille mit diwa.
Die 24-jährige Kauffrau für Büromanagement Stefanie Wille besuchte das Unternehmen zum ersten Mal zusammen mit weiteren Absolventen der ICP Stiftung beim Diversity Tag 2018. Nur einige Wochen später hatte sie ihren Arbeitsvertrag in der Tasche. Im Gespräch erzählt die Münchnerin über ihren schweren Unfall, der sie in den letzten Jahren noch stärker gemacht hat und über ihren Weg zum Erfolg.


Ihre Behinderung sieht man nicht auf den ersten Blick.

Als Kind war ich ganz gesund. Meine Behinderung entstand nach einem Unfall. Als mich ein Wagen anfuhr, war ich erst zwölf Jahre alt. Dass mein Handicap nicht zu sehen ist, ist das Ergebnis von zahlreichen Operationen. Auf der rechten Seite ersetzt eine künstliche Platte einen Teil meines Schädels; die Haut, die darüber liegt, wurde aus dem Hüftbereich entnommen.

Wie hat der Unfall Ihr Leben verändert?

Es war sicherlich ein Schock, den ich in der Konsequenz allerdings erst später realisiert habe. Über mehrere Monate musste ich auf der Intensivstation starke Medikamente wie Morphium und Antidepressiva nehmen. Vor meinem Unfall war ich eine aufstrebende Kunstturnerin, die auch in der Schule Bestnoten hatte. Ich wollte als Leistungssportlerin erfolgreich werden und studieren. Nach meinem Unfall musste ich mein ganzes Leben neu sortieren.

Konnten Sie weiter Sport treiben?

Das hätte ich gern, doch es wäre zu riskant gewesen. Bei mir fehlte ein Stück Knochen am Schädel. Jeder Sturz hätte dramatische Folgen haben können. Es war allerdings nicht alles nur negativ: Meine Eltern haben mich in allem unterstützt und die Therapien haben bei mir auch angeschlagen.

Und wie lief es in der Schule weiter?

Ich wollte unbedingt mein altes Leben zurück und alle Beteiligten waren sich einig, dass ich es weiterhin am Gymnasium versuchen soll. Das wollte ich natürlich auch, doch dann musste ich erfahren, wie grausam Mitschüler im Kindesalter sein können.

Wurden Sie ausgegrenzt?

Ich wurde regelrecht gemobbt. Nach meinem Unfall sah ich sicherlich nicht gut aus: Ich nahm 20 Kilo zu, meine Haare wurden kurzrasiert. So wird man schnell zu einer Zielscheibe von bösen Kommentaren. Die Bosheiten hinterließen zusätzliche unsichtbare Narben; letzten Endes musste ich die Schule verlassen. 

Das müssen bittere Erfahrungen sein…

Ich glaube nicht, dass Kinder wissen, was sie mit verbaler Brutalität jemandem antun. Heute denke ich darüber nach, in Schulen zu gehen und über meine Erfahrungen zu erzählen. Mobbing ist Psychoterror, an dem viele junge Menschen zerbrechen.

Sie sind an den Intrigen nicht zerbrochen.

Es hat aber nicht viel gefehlt. Geholfen hat mir der Umgang mit anderen Menschen, die auch mit einer Behinderung leben. Ich habe gelernt, dass man sich nicht unterkriegen lassen darf. Ich habe richtige Kämpfer kennengelernt, die schon im jungen Alter wissen, dass ihre Lebenserwartung nur auf einige Jahre beschränkt ist und die ihre Ausbildung dennoch erfolgreich abschließen. Solche Begegnungen verändern die eigene Sichtweise.

Wie ging es für Sie nach dem Gymnasium weiter?

Das Ergebnis des Mobbings war, dass ich mein Selbstbewusstsein komplett verloren habe. Mit suizidalen Tendenzen kam ich in die Psychiatrie, wo ich allerdings nicht gut aufgehoben war. Es war ein Umfeld, wo die Patienten teilweise plötzlich mit Stühlen aufeinander losgegangen sind. Die Lösung war für mich eine Sonderschule für Menschen mit körperlicher Behinderung. Nach der mittleren Reife konnte ich von dort endlich wieder auf eine normale Schule gehen. Mein Realschulabschluss hatte die Durchschnittsnote: 2,0.

Sie sind in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Wie kamen Sie nach München?

Ich habe mich deutschlandweit beworben und hätte nach Berlin oder nach München gehen können. Als gebürtige Münchnerin musste ich nicht lange überlegen. Mit 17 Jahren war ich  wieder zurück in meiner Heimatstadt.

Ganz schön mutig, so jung von zuhause wegzugehen.

Ich hatte ein Ziel: Ich wollte eine Ausbildung absolvieren, einen Job finden und endlich in der Normalität ankommen. Beim ICP München hatte ich endlich Gleichgesinnte um mich herum. Meine Behinderung sieht man nicht auf den ersten Blick, so fühlte ich mich ein wenig wie die Einäugige unter den Blinden. 

Obwohl Sie mit einer halbseitigen Lähmung leben.

Diese Lähmung kann mein Körper mit entsprechender Konzentration kompensieren. Obwohl ich kein Gefühl in der linken Hand habe, kann ich sie bewegen. Ein Ergebnis jahrelanger Physiotherapie und Logopädie. Mein Alter bei dem Unfall war ein Glück im Unglück. Mein Gehirn hat viele Gehirnzellen neu ordnen können, so sind meine Bewegungen harmonisch.

Hat ihnen die Ausbildung bei der ICP Stiftung auch in anderen Bereichen des Lebens den nötigen Schwung gegeben?

Die ICP Stiftung ist sicherlich ein besonderer Ort. Dass der Krankenwagen kommt, dass jemand beatmet werden muss oder dass gleichzeitig zwei Klassenkameraden einen epileptischen Anfall bekommen, ist hier ganz normal. Deswegen lernen wir hier in kleinen Gruppen und erleben Situationen, die uns für das ganze Leben verbinden. Gemeinsam  wird man hier zum Umdenken gezwungen. Man kann sich nicht den ganzen Tag damit beschäftigen, was man nicht beherrscht. Die Konzentration gilt den Dingen, die man kann! Heute denke ich, ich kann aus eigener Kraft aufstehen, ich darf Steuern zahlen, ich darf in einem Land ohne Krieg leben - ich habe gelernt all dies zu schätzen. Und letztendlich nahm alles eine positive Wendung: Im Sommer legte ich meine IHK-Prüfung zur Kauffrau für Büromanagement ab.

Wie kamen Sie zu diwa?

diwa war uns beim ICP ein Begriff. Wir wussten, dass die Stiftung eng mit dem Unternehmen zusammenarbeitet und unsere Absolventin Büsra Kaplan dort eine Anstellung gefunden hat. Ihre Erfolgsgeschichte ist uns allen bekannt. Denn es entspricht nicht der Normalität, dass jemand direkt nach der Ausbildung irgendwo eingestellt wird. Viele Menschen mit Behinderung werden mit Bestnoten fertig und warten dann mehrere Jahre auf einen Job. Als wir die Einladung zum diwa Diversity Tag bekommen haben, wusste ich, dass ich mich dort auch bewerben möchte. Dann ging es ruck zuck.

Woran können Sie sich von der Veranstaltung erinnern?

Vor allem an den Vortrag von Professor Böhm kann ich mich gut erinnern. Ich erlebe viel in der Praxis, da ich selbst mit einer Behinderung lebe. Die wissenschaftlichen Untersuchungen kannte ich allerdings nicht. So habe ich erst bei der Veranstaltung erfahren, dass die Krankentage in einer Firma, die auf Inklusion setzt, viel niedriger sind als anderswo. Für die Menschen ohne Behinderung ist es eine Motivation, wenn der Kollege mit Handicap jeden Tag im Büro sitzt. Ich fand die ganze Veranstaltung sehr aufschlussreich.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe meine Bewerbung abgegeben und nicht einmal vier Wochen nach meiner abgeschlossenen Ausbildung habe ich meinen Arbeitsvertrag bei diwa unterschrieben.

Hatten Sie Bedenken gegenüber der Branche der Personaldienstleistung?

Ich denke, dass Personaldienstleistung eine sehr gute Möglichkeit für Berufseinsteiger ist. Zeitarbeit ist zudem für beide Seiten eine Chance. Als Mitarbeiterin kann man sich die Firma anschauen und sehen, ob die Unternehmenskultur und das Miteinander den eigenen Vorstellungen entsprechen. Aber auch eine Firma kann die neuen Mitarbeiter zuerst kennenlernen und wenn alles passt, steht einer Übernahme nichts im Wege.

Sie nennen explizit die Berufseinsteiger – wieso?

Als Berufseinsteiger ist man zunächst etwas überfordert. Von diwa wird einem alles abgenommen und man kann sich darauf konzentrieren, was die eigene Aufgabe im Job ist. 

Macht die Praxis auch so viel Spaß wie die Theorie, wenn es um Büromanagement geht? Wie ist Ihr Start ins Berufsleben gelungen? 

Ich liebe Zahlen und Texte. So war  Büroarbeit immer schon mein Traum. Meine Aufgaben sind sehr vielfältig und abwechslungsreich. Meine Kollegen sind sehr aufgeschlossen und verständnisvoll.

Welchen großen Fehler kann man im Umgang mit Menschen begehen, die mit einem Handicap leben?

Da kann ich nur über mich selbst sprechen. Ich möchte kein Mitleid! Vor über zehn Jahren hatte ich einen Autounfall, ja. Aber ich muss nicht deswegen für den Rest meines Lebens in Watte gepackt werden. 

Was können Menschen ohne Behinderung von Menschen mit Handicap lernen?

Wenn man gesund ist, wünscht man sich einen Porsche und Ponys – wenn man eine Behinderung hat, wünscht man sich Normalität. Ich denke, man kann einfach Dankbarkeit lernen und die Wertschätzung für die kleinen Dinge im Leben.